01.10.06 THB
Die Grenzen des Wachstums.
von Helge H. Grammerstorf SeaConsult HAM GmbH
Um es gleich vorweg zu nehmen: eine technische Grenze für den Bau großer Kreuzfahrtschiffe ist nicht in Sicht. Ob „Queen Mary II“, „Freedom of the Seas“ oder das neue Genesis-Projekt von Royal Caribbean mit 5.400 Passagieren, jedes Mal schien es fast, als sei das Ende der Entwicklung nah und schon kurz darauf ging es noch größer.
Die zur Zeit weltweit in den Auftragsbüchern stehenden 34 Kreuzfahrtschiffe bringen es - einschließlich der beiden vor wenigen Tagen durch die amerikanische Seabourn Reederei bestellten Ultra-Luxus-Schiffe für je 450 Passagiere - zusammen auf immerhin 93.000 Betten. Damit liegt die durchschnittliche Kapazität dieser Schiffe bei knapp 2.750 Passagieren; zum Vergleich: die „Queen Mary II“ verfügt „nur“ über 2.620 Betten.
Die Industrie spricht dabei von „Economy of Scale“, also der Wirtschaftlichkeit durch Massenproduktion. Und der Erfolg gibt ihr Recht. Denn während Schiffe mit Tausenden von Gästen für die Einen die Umkehrung ihrer Vorstellungen von der Kreuzfahrt sind, sind sie für die Anderen geradezu die Voraussetzung, sich ihren Traum vom Urlaub an Bord erfüllen zu können. Ohne die großen Schiffe und den Imagewandel der Kreuzfahrt, gäbe es den boomenden Kreuzfahrtmarkt so nicht. Die Entwicklung von der exklusiven Prominenz zur Popularität des Produktes Kreuzfahrt hat mit der Erreichbarkeit für breite Konsumentenschichten eingesetzt, indem die Kreuzfahrt nicht nur als realistische sondern quasi ideale Urlaubsalternative wahrgenommen wird, weil sie ein Maximum an Bedürfnisbefriedigung zu attraktiven Konditionen bietet.
Gibt es also keine Grenze des Größenwachstums?
Technisch wohl kaum, sieht man einmal davon ab, dass die Destinationen, welche für diese Schiffe und deren Gäste eine adäquate Infrastruktur zur Verfügung stellen können, beschränkt sind. Auch logistisch werden die Betreiber vor immer neue Herausforderungen gestellt. Auf einem Schiff mit 4.000 Passagieren und ca. 1.500 Besatzungsmitgliedern befinden sich immerhin 5.500 potentielle Landgänger. Da verwundert es nicht, dass die Reedereien bestrebt sind, immer mehr Attraktionen von Land an Bord zu verlagern, in der Erwartung, dass möglichst wenige Gäste das Schiff im Hafen überhaupt verlassen. Vielleicht bietet schon in Kürze die erste Reederei den SES (shore excursion substitute = „stellvertretenden Landgänger“), also denjenigen, der an Stelle der Gäste das Schiff zum Landausflug verlässt und das Signal von seiner jeden Schritt dokumentierenden Videokamera online, live und in Farbe auf den Großbildmonitor des Sonnendecks überträgt. Landgang im Sitzen am Pool! Dem amerikanischen Urlaubskonsumenten käme dies durchaus entgegen: in möglichst kurzer Zeit möglichst viel möglichst intensiv erleben und das in behüteter und sicherer Umgebung – nötigenfalls in künstlichen Welten, so wie die Afrikanische Savanne im Disneyland.
Und wo bleiben die Anderen?
Herausragendes Merkmal der Produktenwicklung der letzten 15 Jahre ist die Diversifizierung. Die unterschiedlichsten Typen mit einem großen Angebot an unterschiedlichen Angebotsschwerpunkten und Preisklassen sind am Markt verfügbar. Von der Fünf-Sterne-Plus Kreuzfahrt der „Europa“ bis zum Transporterlebnis für den kleinen Geldbeutel à la Easycruise. Vom Clubschiff bis zur Expeditionskreuzfahrt. Von ganz klein mit weniger als 100 Gästen bis zu den Megaschiffen. Bisher stellten die neuen Angebote auf Schiffen über 2.000 Gästen eine Ergänzung des bestehenden Angebotes dar. Der Blick ins ‚Orderbook’ lässt jedoch erahnen, dass sie sie eines Tages ersetzen könnten. Doch noch bevorzugen etwa zwei Drittel der deutschen Gäste Schiffsgrößen unter 1.000 Passagieren. Nicht zuletzt dieses hat zu einer Renaissance der älteren Einheiten geführt und wird den klassischen Schiffen auch mittelfristig noch ihr Auskommen sichern.
Wenn es also eine Grenze des Größenwachstums gibt, dann wird dies eine emotionale Grenze sein, ab derer die Kunden das Produkt nicht mehr annehmen. Doch noch ist sie nicht in Sicht.
