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12.02.09 Rheinischer Merkur

Jungfernfahrt in schwerer See

von Thomas Schwitalla


Im Dezember vergangenen Jahres überraschte der Chef der italienischen Kreuzfahrtgesellschaft MSC Crociere, Pierfrancesco Vago, die STX-Werft im französischen Saint Nazaire mit einem ungewöhnlichen Anliegen: Er wollte den Auftrag für den Bau zweier neuer Schiffe erst einmal auf Eis legen. Was in anderen Industriezweigen zum Alltag gehört, löste unter den erfolgsverwöhnten Kreuzfahrern Irritationen aus. Sollte der Boom der Branche plötzlich zu Ende gehen?
In den vergangenen Jahren hatten die Reedereien noch um die knappen Werftkapazitäten kämpfen müssen. Von Jahr zu Jahr verzeichnete die Branche deutliche Zuwächse. Im Jahr 2007 buchten rund 1,1 Millionen Deutsche eine Kreuzfahrt, zehn Jahre zuvor waren es nur 350 000. Angesichts des Wachstums kamen die Werften mit dem Bau der Liner nicht mehr hinterher und waren ausgebucht.
Doch jetzt bekommt die Ferienseefahrt die Folgen der globalen Wirtschaftskrise zu spüren. Die potenziellen Passagiere werden sparsamer. Gebucht wird meist sehr kurzfristig, der Preis ist wichtiger. Kreuzfahrten sind da eher im Nachteil: Sie erfordern relativ hohe Ausgaben. Dennoch kalkulieren deutsche Reedereien weiter mit steigenden Passagierzahlen. „Auch im Jahr 2009 wollen wir zweistellig wachsen“, sagt Aida-Chef Michael Thamm. Der Marktführer, mit dem vergangenes Jahr etwa jeder dritte deutsche Kreuzfahrer unterwegs war, wird bis 2012 jedes Jahr ein neues Schiff für jeweils gut 200 Gäste auf den Markt bringen.


Konkurrenz erwächst dem Rostocker Unternehmen durch die neu gegründete Tui-Cruises, ein Kooperationsprojekt zwischen dem größten deutschen Reiseveranstalter Tui und der amerikanischen Royal Carribbean Cruises. Am 15. Mai 2009 startet das noch namenlose Schiff zur Jungfernfahrt. Und weil sich die Strategen großes Wachstum versprechen, planen sie, bis 2012 ebenfalls pro Jahr ein großes Schiff auf den Markt zu bringen.
Ein gewagtes Unterfangen? „Nein“, sagt Robert J. Vogel, der Chef von Tui-Cruises. „Ich glaube, dass sich Margen verdienen lassen, wenn das Produkt gut ist.“ Zudem setzt er auf die deutsche Reiselust, am Urlaub werde zuletzt gespart. „In dieser Zeit tankt man auf, das ist wichtig.“ Vogel hat schon einmal ein Kreuzfahrtkonzept erfolgreich an den Markt gebracht. In den Neunzigerjahren war er am Aufbau der Aida-Flotte beteiligt. Seinen jetzigen Konkurrenten von Aida, Michael Thamm, kennt er noch aus dieser Zeit.
„Ich glaube weiterhin an ein Wachstum in diesem Segment“, sagt Vogel. Schließlich würde derzeit nur etwa ein Prozent der Deutschen auf einem Hochseeschiff ihren Urlaub verbringen, der Anteil der Flusskreuzfahrten ist noch deutlich geringer. „In England liegt diese Quote bei 1,8, in den USA sogar bei 3,8 Prozent. Wenn wir nur den Wert von Großbritannien erreichen, hätten wir pro Jahr 1,6 Millionen Gäste.“ Eine Zahl, die das Beratungsunternehmen SeaConsult für realistisch hält. Dort geht man sogar von mehr als zwei Millionen Passagieren bis zum Jahr 2018 aus.
Auch Optimist Vogel hätte sich freilich eine andere Zeit für den Start seines Unternehmens gewünscht. „Als wir begonnen haben, boomte die Wirtschaft und es war schwer, Arbeitskräfte zu bekommen“, sagt er. „Ob wir den Beginn unseres Projektes verschoben hätten, wenn wir gewusst hätten, was passiert? Wer weiß.“ Trotz des schwierigen Umfelds glaubt er an die guten Aussichten der Branche. Und: „Um ein Schiff auf den Markt zu bringen, dauert es zwei bis drei Jahre. Wir können uns nicht für den Bau entscheiden, wenn die Nachfrage gerade da ist.“


Auswirkungen auf seine Pläne haben die aktuellen Bedingungen dennoch: Bei der Routenauswahl für das Jahr 2010 achten Vogel und sein Team verstärkt auf die Kosten. In der Praxis bedeutet das: im Sommer Routen in Nordeuropa, im Winter Mittelmeer, auch mal ein Abstecher nach Dubai, aber weniger Fernziele, bei denen noch hohe Flugkosten anfallen.
Wie wichtig Kosten und Preise auch auf dem deutschen Kreuzfahrtmarkt werden könnten, zeigt ein Blick in die USA. Dort bietet Weltmarktführer Carnival – zu dem Konzern gehören die „Aida“-Schiffe – einen Dreitagestörn zu den Bahamas für 149 US-Dollar an. Auch in Europa halten Experten wie Michael Vogel, Volkswirt und Tourismusfachmann an der Hochschule Bremerhaven, eine ähnliche Entwicklung für möglich. Seine These: Nur über günstige Angebote würden sich die zusätzlichen Kapazitäten füllen lassen. Die Folgen der niedrigen Preise sind gravierend: Die Gewinnmargen der Unternehmen sinken, die Börsenkurse der Unternehmen brechen ein. Carnival-Papiere haben zwei Drittel ihres Werts verloren, Royal Caribbean an die 80 Prozent.
Doch der Tui-Cruises-Chef lässt sich von solchen Szenarien nicht aus der Ruhe bringen. Sein Schiff – eine Zehn-Tage-Tour kostet ab rund 1500 Euro – werde keine Schnäppchen anbieten, keine Preisschlacht schlagen. „Wir müssen die Gäste dazu bringen, ihren Konsumverzicht aufzugeben“, sagt er. Das gehe am besten mit Qualität. Wenn das nicht klappt, dann hat Vogel noch eine originelle Idee für die Bundesregierung parat. „Statt einer Abwrackprämie für Altautos schlage ich einen Urlaubsgutschein vor: 500 Euro für jeden.“ Das wirkt bestimmt. Aber leider, so gibt der Tui-Cruises-Chef lachend zu, hatte er noch keine Gelegenheit, der Kanzlerin den Vorschlag zu unterbreiten.

© Rheinischer Merkur Nr. 7, 12.02.2009

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